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Digitalisierungsprojekt: Die Biomechanik Meyerholds

Den ausführlichen Text von Thilo Wittenbecher zum Kontext des Projekts und zur Zusammenarbeit des Mime Centrum Berlin mit dem Regisseur, Schauspieler und Biomechanikdozenten Gennadij Bogdanow finden Sie hier auch als pdf.

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Die theatrale Biomechanik Meyerholds

Ein internationales Langzeitprojekt ihrer Rekonstruktion und Anwendung in der Gegenwart

von Thilo Wittenbecher

 

Bis heute ist die theatrale Biomechanik Meyerholds sowohl für die interessierte Öffentlichkeit als auch in der Praxis und Theorie des Theaters noch ein weitgehend unerschlossenes Feld. Obwohl Wsewolod Emiljewitsch Meyerhold zu den Theateravantgardisten des 20. Jahrhunderts gezählt wird, ist die von ihm entwickelte Biomechanik als praktische Ausbildungs- und Spielmethode international bislang nur einem überschaubaren Kreis von Schauspielern, Regisseuren und Dramaturgen bekannt; in die theaterwissenschaftliche Forschung und Lehre hat sie bislang nur begrenzt Eingang gefunden. Ein Grund dafür ist sicher, dass mit der im stalinistischen Regime 1940 veranlassten Hinrichtung Meyerholds eine für ihre Zeit kontrovers aufgenommene, radikale theaterästhetische Konzeption abrupt beendet wurde und nach dem Tod Sergej Eisensteins – einem der wichtigsten Zeitzeugen und „Archivar“ der Biomechanik – auch wesentliche Zugänge zu den Dokumenten und Quellen dieser Methode für lange Zeit verschlossen waren. So wurden die später von dem Theaterregisseur Lee Strasberg überlieferten seriellen Fotoreihen, einige kurze Filmsequenzen biomechanischer Etüden aus den 20er Jahren, Abbildungen der konstruktivistischen Bühnenbildentwürfe oder verstreut erschienene Texte bzw. Textauszüge Meyerholds zu alleinigen Ansatzpunkten aller späteren Versuche der Bezugnahme, Rekonstruktion und Anwendung der biomechanischen Methode. Bedingt durch diese fragmentarische und zum Teil widersprüchliche Materiallage blieben Versuche der Rekonstruktion – etwa des Living Theatre oder der amerikanischen Theaterwissenschaftler Alma Law und Mel Gordon – zumeist äußerlich; sie orientierten sich entweder an akrobatischen, grotesken, exzentrischen und slapstickhaften Bewegungen oder sie gerieten zu abstrakten, posenartigen Zitaten von Foto- und Filmausschnitten.

Für eine vitale Auseinandersetzung mit Meyerholds Biomechanik fehlte vor allem eine quasi leibhaftige, eine physische Verbindung zu den Quellen. Diese eröffnete sich erstmals 1990 auf einem Theaterkongress in Moskau, auf dem der Schauspieler Gennadij Nikolajewitsch Bogdanow und der Regisseur Aleksej Alexandrowitsch Lewinskij, beide vom Moskauer Theater der Satire, einige Etüden der Biomechanik Meyerholds demonstrierten. Wie sich erst später herausstellte, hatten beide in den 1970er Jahren durch Nikolaj Kustow, den früheren Instrukteur für Biomechanik am Meyerhold-Theater, ein intensives Training und damit das Erlernen der Grundprinzipien der Biomechanik erfahren. Anwendung fand die Biomechanik 1973 in Lewinskijs Regie von Becketts „Warten auf Godot“ und darin Bogdanows „Lucky-Monolog“ am Theater der Satire. In Moskau 1990 war auch der damalige Direktor des Niederländischen Mime Centrums Ide van Heiningen dabei, der Bogdanow im Frühjahr 1991 zu Demonstrationen der Biomechanik an die Universitäten von Utrecht und Amsterdam einlud. Im September 1991 initiierte das Niederländische Mime Centrum in Amsterdam den Gründungskongress der Europäischen Mime Föderation (EMF). Neben der von Étienne Decroux begründeten mime corporel dramatique repräsentierte die theatrale Biomechanik Meyerholds das zweite zentrale Thema dieser Konferenz und wurde so in einem internationalen Kontext wahrgenommen.

1991 lud ich Gennadij Bogdanow zu einem ersten Workshop an das Mime Centrum Berlin ein, dem eine öffentliche Demonstration der Methode auf der Probebühne des Berliner Ensembles folgte; ergänzt durch einen materialreichen Vortrag des niederländischen Theaterwissenschaftlers Loek Zonneveld. Der Ort der Veranstaltung war dabei nicht zufällig gewählt: 1930 hatte im Theater am Schiffbauer Damm das erste und einzige Gastspiel des Meyerhold-Theaters in Deutschland stattgefunden.1 Und es gibt Hinweise darauf, dass Meyerhold in diesem Kontext einen Vortrag „Über mein System“ hielt, verbunden mit einer praktischen Demonstration der Biomechanik durch Sossima Slobin. Nach Utrecht, Amsterdam und Berlin erhielt Bogdanow Einladungen zu Workshops und Demonstrationen nach Frankreich, Großbritannien, Italien und Griechenland u.a.

Bereits im Winter 1993 organisierte das Mime Centrum Berlin gemeinsam mit Bogdanow den ersten internationalen Biomechanik-Workshop an der Moskauer Theaterschule GITIS. Dominierte in den ersten Schritten der Zusammenarbeit vor allem die unmittelbar praktische Analyse und Handhabung der Elemente und Prinzipien der Biomechanik, so entstanden bald intensivere Fragen nach ihrem Kontext. In der Korrespondenz sowohl praktischer als auch theaterhistorischer Hinterfragung entstand die Frage, wie aus dem Erlernen der Biomechanik, also ihrer individuellen, im Workshop (nach-)vollzogenen Rekonstruktion, ein Weg zu einer theatralen Umsetzung zu finden sei. Im Kern war es die Frage danach, ob die Biomechanik über einen theaterhistorischen Aspekt hinaus überhaupt von Interesse sein könne.

Mit dem Theaterwissenschaftler und heutigen Chefdramaturgen am Staatsschauspiel Dresden, Jörg Bochow, entstand eine langjährige Zusammenarbeit, die sich neben der Weiterführung praktischer Untersuchungen zunächst der Recherche der Originalquellen zuwandte. Das Studium der Anfang der 90er Jahre gerade geöffneten Moskauer Archive, der Kontakt mit der Enkelin Meyerholds, Maria Walentai-Meyerhold, und dem Moskauer Theaterwissenschaftler Wadim Schtscherbakow erschlossen einen Materialfundus, aus dem heraus Genesis und Funktion der Biomechanik Meyerholds gesicherter zu reflektieren waren. Darüber hinaus klärte der Dialog mit dem Moskauer Filmwissenschaftler und Leiter des Eisenstein-Archivs Naum Klejman bis dahin unbekannte Bezüge zwischen der Biomechanik und ihrer späteren Anwendung und Weiterentwicklung durch Eisenstein.


Im Frühjahr 1993 wurde die Biomechanik Meyerholds auf dem 2. Kongress der Europäischen Mime Föderation (EMF) in der Berliner Akademie der Künste erneut zum Gegenstand internationaler Diskussionen, die sich nun in der Anwesenheit von Mel Gordon auch mit den Erfahrungen der US-amerikanischen Rekonstruktionsversuche verbanden. Mel Gordon regte eine Zusammenarbeit Bogdanows mit dem New Yorker Phoenix-Theater an, die noch im gleichen Jahr zu einer auf der Biomechanik basierenden Mitarbeit Bogdanows an einer Inszenierung von Majakowskijs „Schwitzbad“ führte.

Torsten Maß, bei den Berliner Festspielen 1995 mit der Vorbereitung der 45. Berliner Festwochen mit dem Titel „Berlin-Moskau. Moskau-Berlin“ beschäftigt, initiierte eine über ein halbes Jahr andauernde intensive Zusammenarbeit der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin (HfS) mit dem Mime Centrum Berlin und Bogdanow.

Mit den auf der Biomechanik basierenden Inszenierungen von Alexandr Alexandrowitsch Bloks „Die Unbekannte“ und Alexandr Iwanowitsch Wwedenskijs „Eine gewisse Anzahl Gespräche“ durch die damaligen Regie-Studierenden Thomas Ostermeier und Christian von Treskow wurde die bis dahin vorwiegend über Workshops und Demonstrationen realisierte Arbeit an der Biomechanik nun Teil eines größeren öffentlichen Dialogs über Grundfragen des modernen Theaters und einer zeitgemäßen Schauspielausbildung.

Beide Inszenierungen wurden vom Publikum und der Kritik positiv aufgenommen, insbesondere Vitalität und Präsenz des schauspielerischen Agierens boten Anlass zur Begeisterung – „die Bühnen, die diese jungen Darsteller einmal beschäftigen, können sich die Finger lecken!“, schrieb Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost, die das Meyerhold-Projekt für den Friedrich-Luft-Preis 1995 nominierte.

Über den Erfolg hinaus aber wurde klar, dass ein wirkliches Erschließen der Möglichkeiten der Biomechanik nicht über Workshops und temporäre Arbeitsformen zu erreichen war. Die beiden Inszenierungen der HfS machten den Zusammenhang von Ausbildungs- und Spielmethodik in der Biomechanik deutlich: den Prozess vom Erlernen der Etüden über das Inkorporieren der Prinzipien bis hin zur Erlangung der Freiheit von der Nachahmung der Form hin zur Improvisation und Virtuosität.

Als 1997 die Erstauflage des von Jörg Bochow verfassten und vom Mime Centrum beim Alexander Verlag herausgegebenen Buches und Videos „Das Theater Meyerholds und die Biomechanik“ als Resümee sowohl der theaterhistorischen Recherche als auch der intensiven praktischen Arbeit erschien, verfügte Thomas Ostermeier mit der „Baracke“ am Deutschen Theater bereits über „sein“ Theater und hatte gerade die englische Gegenwartsdramatik für sich entdeckt. Er hatte aber auch einige der biomechanisch ausgebildeten Schauspieler seines Jahrgangs zu sich geholt und inszenierte nun zusammen mit Gennadij Bogdanow Brechts „Mann ist Mann“ als groteskes, absurdes Spiel. Die Inszenierung basierte auf einer sehr akzentuierten Körpersprache, steigerte die Momente des Artistischen, Akrobatischen bis zum Zurücktreten des Textes und der Sprache.

In gewisser Weise als Kontrapunkt zur Dominanz des kraft- und atemzehrenden Moments der Artistik und Akrobatik in der „Mann ist Mann“-Inszenierung erarbeitete Bogdanow in Zusammenarbeit mit Jörg Bochow im Jahr 2000 die Uraufführung von „Goebbels Tisch“ als Umsetzung einer fast epischen Stückvorlage für einen Schauspieler, geschrieben vom damals noch fast unbekannten russischen Autor Farid Nagim. Tony De Maeyer offenbarte, welche Präzision und Vielfalt körperlichen Ausdrucks aus der Biomechanik zu beziehen ist.

Gennadij Bogdanow entwickelte in Inszenierungen in Großbritannien, Frankreich, Italien und Brasilien sowie in den USA den Zusammenhang von Ausbildungs- und Spielsystem der Meyerholdschen Biomechanik weiter. In Deutschland ist die Biomechanik in Arbeiten von Regisseuren wie Thomas Ostermeier, Christian von Treskow, Hasko Weber, Claudia Bauer oder jüngst von Luise Voigt klar erkennbar. Sie ist sichtbar auch bei Schauspielern wie Robert Beyer, André Szymanski, Mark Waschke u.a.



An der HfS sind Bogdanows Kurse in Meyerholds Biomechanik auf Initiative der Studierenden sowie des Mime Centrum Berlins inzwischen zu einem fakultativen Workshopformat geworden. Das Mime Centrum selbst organisierte kontinuierlich über einen Zeitraum von fast 15 Jahren in Berlin Möglichkeiten, die theatrale Biomechanik in Workshops praktisch erfahrbar werden zu lassen. Dabei bildete sich eine dreistufige, aufeinander aufbauende Arbeitsstruktur aus Einführungs- und Fortgeschrittenenkursen sowie einem eher experimentellen Format szenischer Erprobung und Anwendung heraus. In Italien, am 2000 von Claudio Massimo Paternò gegründeten Centro Internazionale Studi di Biomeccanica Teatrale (CISBiT) in Perugia, wurde diese Arbeitsstruktur als ein Modell der kontinuierlichen Weiterbildung von Schauspielern weiterentwickelt und etabliert sowie in mehreren Inszenierungsprojekten zur Anwendung gebracht.



Gennadij Bogdanow hat in über 30 Jahren sein Wissen um Meyerholds Trainingssystem der theatralen Biomechanik in über 25 Länder getragen. Auf Initiative von Eugenio Barba stellte die Internationale Schule für Theateranthropologie (ISTA) Bogdanows Arbeit mit der Biomechanik mehrfach in einen international übergreifenden Zusammenhang mit grundlegenden Methoden der Arbeit an der Präsenz des/r Darsteller*in. Theaterdozent*innen wie Kathleen Baum (Syracus-University), Georg Lewis (Seattle), Robert Reid (Montreal), Terence Chapman (Mann, Leeds), Ralf Räuker (Perth/Singapore) oder Tony De Maeyer (Berlin) setzen in universitären Formaten und öffentlichen Workshops immer wieder Impulse für die praktische Auseinandersetzung und Anwendung der theatralen Biomechanik.
 Doch eine grundsätzliche Lücke ist bis heute nicht geschlossen: die einer kontinuierlich über mehrere Jahre reichenden, die Elemente der Biomechanik umfassenden und die Schnittstelle zu anderen methodischen Ansätzen öffnenden Ausbildung von Darsteller*innen.

Mit dem 2018 durchgeführten Digitalisierungsprojekt zur theatralen Biomechanik Meyerholds2 eröffnet das Mime Centrum Berlin – seit 2011 ein Projektbereich des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts – nun eine neue Möglichkeit der umfassenden Kenntnisnahme und Beschäftigung mit Meyerholds Biomechanik: als Online-Veröffentlichung eines umfassenden, in 25-jähriger internationaler Kooperation entstandenen und angereicherten Fundus‘ an Informationen und Materialien zur Rekonstruktion und Anwendung der Schauspielmethode und des Ausbildungssystems.

Insbesondere die im Rahmen dieses Projekts erarbeitete thematische Aufbereitung zur theatralen Biomechanik gibt die Möglichkeit, einen Einstieg in das umfassende Material zu erhalten.

Es wäre ganz im Sinne des Projekts, wenn sich aus ihm ein kontinuierliches Forum der Anregung, des Austausches und des Dialogs entwickeln würde.

 

1 Reproduktion des Programmhefts zum Gastspiel de Meyerhold-Theaters, Berlin 930. In: Werkraum Meyerhold. Zur künstlerischen Anwendung der Biomechanik. Hg. Von Dieter Hoffmeier u. Klaus Völker. Berlin 1995. S. 17-64.

2Gefördert durch das Forschungs- und Kompetenzzentrum Digitalisierung Berlin (digiS).